Die beste Kilowattstunde ist die, die gar nie gebraucht wird und damit auch nicht produziert werden muss. Dieses Credo rückt in den vergangenen Jahren immer mehr in den Hintergrund. Sollte Energie wegen dem Krieg im Iran nun wie von vielen Experten vorausgesagt wieder knapp werden, dann wird der Verzicht auf Energie wieder zu einem grösseren Thema werden. Mit einfachen Gewohnheitsänderungen können wir alle aber auch ohne äussere Krise weniger Energie nutzen.
Text: Beat Kohler / Linda Wachtarczyk
Einfache Änderungen, die Grosses bewirken
Vorbei die Zeiten in denen Bundesrat Adolf Ogi den Schweizerinnen und Schweizern zeigt, wie man Eier kocht. Er war es, der Ender der 1980er-Jahre unter dem Eindruck von Ölkrise und Tschernobyl-Katastrophe eine neue Energiepolitik angestossen hat und Energiesparen populär zu machen versuchte. Erst die erwartete Stromknappheit mit dem Krieg in der Ukraine veranlasste die ElCom und den Bundesrat zu erneuten Sparaufrufen, die rasch wieder verklungen sind. Seither fokussiert die Politik wieder auf den Produktionsausbau beim Strom und lässt die Importe von fossilen Energien unangetastet. Doch nun sorgt der von US-Präsident lancierte Krieg im Iran für Unsicherheiten in diesem Sektor und dürfte Sparanstrengungen rasch wieder Salonfähig machen.
Die Internationale Energie Agentur (IEA) hat im Mai vorausgesagt, dass die Ölmärkte wegen der Sperrung der Strasse von Hormus im 2026 angespannt bleiben werden – mit hohen Preisschwankungen und knappen Beständen. Dies obwohl die weltweite Ölnachfrage aufgrund der schwachen Nachfrage der Wirtschaft sinke, wie die IEA schreibt. Sorgen die steigenden Öl- und Gaspreise sich erneut auf die Stromversorgungssicherheit in der Schweiz aus? «Sicher hat sich durch den Iran-Krieg die Situation wieder etwas zugespitzt, aber so wie wir die Situation im Moment einschätzen, gehen wir davon aus, dass die Versorgungssicherheit für den nächsten Winter gesichert ist – mit gewissen Restrisiken», sagt Werner Luginbühl, Präsident der Eidgenössische Elektrizitätskommission, gegenüber SRF. Die Restriktionen bestünden darin, dass die Schweiz immer mehr Strom aus Gaskraftwerken in Europa importiere.
Strom wird mit Energie gleichgesetzt
Dass in der Schweiz aufgrund des verringerten Ölangebotes rasch wieder über die Stromversorgung diskutiert wird, kann aufgrund der öffentlichen Wahrnehmung als typisch bezeichnet werden. Gemäss der aktuellen Schätzung des Energieverbrauchs der Schweiz 2025 des Bundesamtes für Energie wurden bei einem Endenergieverbrauch von 778 630 Terajoule 351 420 Terajoule durch Öl und 93 840 Terajoule durch Gas abgedeckt. Die fossilen Brenn- und Treibstoffe machen also rund 57 % unseres Endenergieverbrauches aus.
Die öffentliche Wahrnehmung ist aber eine andere, wie das Forschungsinstitut Sotomo mit der Studie «Energieziele der Schweiz» aufzeigt. Diese wurde von Avenergy Suisse, der ehemaligen Erdöl-Vereinigung, in Auftrag gegeben und im Oktober 2025 publiziert. Die Studie zeigt, dass sich die Bevölkerung nach wie vor nicht bewusst ist, wie stark wir von fossilen Importen abhängig sind. Mit einem von den Befragten geschätzten Anteil von Erdöl von 25 % am Energiemix werden die fossilen Brennstoffe deutlich unterschätzt. Angesichts steigender Öl- und Benzinpreise dürfte sich die öffentliche Wahrnehmung zur Bedeutung fossiler Energieträger jetzt wahrscheinlich ein wenig ändern.
Erste Zahlen belegen das. Laut der offiziellen Fahrzeugstatistik des Bundes wurden im April bei den reinen Personenwagen 34 % mehr Elektroautos immatrikuliert als im April des Vorjahres. Der Marktanteil der E-Autos lag damit bei knapp 19 %. Offenbar ist der Druck der Benzinpreise bei uns noch nicht so hoch wie im Ausland. Laut dem jährlichen Global EV Outlook der IEA legten in Europa die Verkäufe im ersten Quartal 2026 um fast 30 % zu. Die weltweiten Verkäufe von Batterieelektrischen Fahrzeugen sollen im laufenden Jahr auf 23 Millionen steigen und damit fast 30 % aller Neuwagen ausmachen. Die IEA sieht Elektrofahrzeuge zunehmend als wettbewerbsfähig an, insbesondere angesichts schwankender Kraftstoffpreise. Selbst ohne neue politische Massnahmen sei ein rapider Zuwachs zu erwarten, was angesichts steigender Benzinpreise sicher keine gewagte Prognose ist.
Effizienz, Konsistenz und Suffizienz
In der Nachhaltigkeitsforschung werden drei Strategien unterschieden. Wobei Effizienz darauf abzielt Ressourcen optimal zu nutzen, um mit weniger Energie zum gleichen Ergebnis zu kommen, geht es bei der Konsistenz darum, erneuerbare Ressourcen zu verwenden, Emissionen zu verringern und Stoffkreisläufe zu schliessen. Suffizienz ist der Ansatz auf der sozialen Ebene, der darauf abzielt die Art und Weise wie wir produzieren und konsumieren zu verändern. Es geht um einen genügsamen und bewussten Konsum.
Rebound-Effekt
Wenn Energiekosten sinken, Autos effizienter werden oder allgemein Geld gespart wird: Unter dem Rebound-Effekt versteht sich das Verringern oder sogar Zunichtemachen der erreichten Einsparnisse aufgrund von Effizienz- oder Konsistenzmassnahmen, da der Konsum gleichzeitig steigt.
Verzicht ist unbeliebt
Die Entwicklung zeigt, dass die Bevölkerung offensichtlich bereit ist, auf energieeffizientere Technologien umzusteigen, wenn die entsprechenden Preisanreize bestehen – und wenn nicht auf Komfort verzichtet werden muss. Die von Avenergy in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass die Bevölkerung von einem klaren Wandel im Energiemix hin zu erneuerbaren Quellen ausgeht. Die Umfrage zeigt aber auch, wie widersprüchlich die Bevölkerung mit dem Thema umgeht: Zwei Drittel der Befragten meinen zwar, dass sich die Schweizer Bevölkerung klimafreundlicher verhalten sollte, aber nur gut die Hälfte ist bereit, etwas am persönlichen Verhalten zu ändern. Dabei ginge das in vielen Gebieten einfach und ohne Komfortverlust, indem Gewohnheiten optimiert und kleine technische Anpassungen vorgenommen werden. Indem beispielsweise die Raumtemperatur um 1 bis 2 °C gesenkt wird, beim Waschen Eco-/Niedrigtemperatur-Programme genutzt werden und die Wäsche an der Luft trocknet, ein Duschkopf mit Wassersparfunktion eingesetzt wird oder Steckerleisten mit Schalter den Standby-Verbrauch verhindern. Und es gilt immer noch, was Bundesrat Ogi vor 35 Jahren predigte: Beim Kochen gehört auf jeden Topf ein Deckel und der Backofen kann früher ausgeschaltet und die Restwärme genutzt werden.
Zwischen Gewohnheit und Veränderung
Doch wie kann man Menschen dazu bewegen, sich sparsamer und energieeffizienter zu verhalten, obwohl vielen bewusst ist, dass dies notwendig wäre? Die Verhaltenspsychologie bietet verschiedene Erklärungsansätze. Viele alltägliche Handlungen geschehen aus Gewohnheit und laufen weitgehend unreflektiert ab. Gewohnheiten helfen uns, kognitiven Aufwand zu sparen und uns auf wichtigere Aufgaben zu konzentrieren. Gerade deshalb ist es schwierig, Verhalten zu verändern, solange sich die Rahmenbedingungen nicht ändern. Ein erster Schritt zur Verhaltensänderung besteht darin, sich des eigenen Handelns überhaupt bewusst zu werden. Deshalb setzen sich viele Menschen erst dann mit ihrem Energieverbrauch auseinander, wenn dieser verständlich und leicht interpretierbar dargestellt wird. Neben individueller Motivation spielen jedoch auch strukturelle Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle. Werden nachhaltige Alternativen einfacher, attraktiver und alltagstauglicher, verändert sich häufig auch das Verhalten. Dies zeigt das Beispiel von Paris: Durch den Ausbau der Fahrradinfrastruktur stieg der Anteil des Veloverkehrs am Modal Split von 3 % im Jahr 2018 auf 11 % im Jahr 2023.
Nudging als Möglichkeit zur Verhaltensänderung
Wie bei anderen Themen wie Bewegung oder gesunder Ernährung kann ein kleiner Anstoss von aussen hilfreich sein, ohne dass fixe Regelungen notwendig werden. Dafür gibt es eine Methode aus der Verhaltensökonomie, das sogenannte Nudging. Sie zielt darauf ab, Menschen durch kleine, subtile Veränderungen in ihrer Umgebung dazu zu bringen, sich für eine bestimmte Option zu entscheiden. Nudging ist aber keine Manipulation, sondern eine Gestaltung von Entscheidungssituationen: Das Verhalten wird beeinflusst, ohne Optionen zu verbieten. So lassen sich Haushalte, die eine PV-Anlage installiert haben durch die bessere Übersicht über ihren Verbrauch dank einem Smartmeter besser zum Stromsparen animieren.
Oder eine US-Studie hat gezeigt: Haushalte lassen sich so zum Energiesparen bewegen, wenn sie auf der Rechnung sehen, wieviel Strom sie im Vergleich zu den Nachbarn verbrauchen. Besonders Wirksam sind Massnahmen, bei denen die gewünschte Option bereits eingestellt ist und sich Menschen aktiv dagegen aussprechen müssten, das sogenannte Opt-out, bei dem eine bestimmte Auswahloption als Standardeinstellung vorgegeben wird. Eine Studie in deutschen Haushalten zeigte 2015, dass nur rund 10% der Haushalte aktiv grünen Strom wählen würden. Bei einer Standardvoreinstellung stieg der Anteil grünen Stroms bis auf 70% der Haushalte. Doch gerade das Opt-out, dass in der Online-Welt gang und gäbe ist, ist auch umstritten. Umso wichtiger ist, dass solche Anstösse auch transparent gemacht werden.
Beispiele für Nudges
Kleber am Lichtschalter
Kleber an Lichtschaltern sind ein klassisches Beispiel für einen verhaltensbasierten Nudge. Sie erinnern Personen im richtigen Moment direkt am Ort der Handlung daran, das Licht auszuschalten. Durch einfache visuelle Hinweise wird das gewünschte Verhalten – Strom sparen – ohne Zwang oder Verbote gefördert. Der Nudge funktioniert, weil er Aufmerksamkeit erzeugt und die Entscheidung im Alltag erleichtert.
Personalisierte Briefe an Hauseigentümer
Der Ansatz vom Projekt Solarize nutzt personalisierte Informationen und niederschwellige Ansprache, um die Nutzung von Solarenergie zu fördern. Interessierte Kantone, Städte und Gemeinden versenden weitgehend automatisierte Briefe an Hauseigentümerschaften. Die Schreiben basieren auf den Daten der Sonnendach-Website und informieren über das Solarpotenzial des jeweiligen Gebäudes, die Vorteile von Solarenergie sowie die Möglichkeit eines Beratungsgesprächs. Der Nudge wirkt, weil die Informationen individuell relevant, einfach zugänglich und direkt mit einer konkreten Handlungsmöglichkeit verbunden sind. Erste Erfahrungen wurden in Schaffhausen und Stabio gesammelt; inzwischen nutzen weitere Gemeinden diesen Ansatz zur gezielten Förderung der Solarenergie.
Positives verhalten fördern
Eine Übersicht über die wichtigsten verhaltensökonomischen Massnahmen zum Energiesparen hat das Institut der deutschen Wirtschaft IFA zusammengestellt. Dazu gehören Feedback über den eigenen Verbrauch, Selbstverpflichtung und Zielsetzung, die sogenannte Gamification, die das Stromsparen zum Spiel macht, ein sozialer Vergleich sowie Veränderungen an den voreingestellten Standardeinstellungen. Die Wirkungsweisen dieser Massnahmen unterscheiden sich. Feedback soll den Energieverbrauch sichtbar machen und damit überhaupt erst bewusst werden lassen. Selbstverpflichtungen erhöhen die Verbindlichkeit, weil Menschen sich selbst ein Ziel setzen und dieses eher einhalten wollen. Ein spielerisches Energiesparen ist motivierend. Ein sozialer Vergleich nutzt die Wirkung von Normen, indem der eigene Verbrauch mit dem anderer verglichen wird. Voreinstellungen wiederum lenken Verhalten, indem die sparsame Option als Standard gesetzt wird. Gemäss der Studie können je nach Massnahme, Kontext und Zielgruppe Einsparpotenziale von bis 20 % erreicht werden.
Besonders wirksam seien Kombinationen mehrerer Instrumente, weil so unterschiedliche psychologische Mechanismen gleichzeitig angesprochen werden. Letztendlich soll Energiesparen nicht als Pflicht, sondern als machbares und sogar positives Verhalten wahrgenommen werden. Das ist umso wirksamer, wenn die wirtschaftlichen Vorteile sichtbar werden. Die aktuelle Entwicklung der Elektromobilität verdeutlicht dies. In der Krisensituation sind die Vorteile von weniger Verbrauch und damit von tieferen Kosten besonders sichtbar. Der Beitrag zur Reduktion von Emissionen kommt als Pluspunkt hinzu, auch wenn er für den einzelnen in dieser Situation keine wesentliche Rolle spielt.
Die Aktion von Adolf Ogi vor bald 40 Jahren hat gezeigt, dass mit einer guten PR-Aktion Stromsparen in der Bevölkerung populär gemacht werden kann. Die Entwicklung danach hat aber auch verdeutlicht, dass mit Sensibilisierungskampagnen nicht alle Energieprobleme gelöst werden können. Nicht jeder kurzfristige Erfolg führt automatisch zu einer langfristigen Verhaltensänderung. Dasselbe gilt auch für verhaltensökonomischen Massnahmen. Nudging kann die geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen ergänzen, sie aber nicht ersetzen.
Quellen
| Thema | Link |
|---|---|
| Nudging und Verhaltensbeeinflussung | energeiaplus.com/2021/08/26/manipulation-oder-hilfestellung-wie-nudging-unser-verhalten-beeinflusst/ |
| Energiesparen mit Nudging | http://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/policy_papers/PDF/2023/IW-Policy-Paper_2023-Energiesparen-mit-Nudging.pdf |
| Nudging-Katalog | https://green-nudging.de/nudges/nudgekatalog/ |
| Suffizienzstrategie | https://energysufficiency.de/wp-content/uploads/2025/03/EnSu_DE_Suffizienzstrategie.pdf |
| Umweltverträgliches Konsumverhalten | https://www.bafu.admin.ch/dam/en/sd-web/-LbSMjcQpgoL/konsumverhalten_undfoerderungdesumweltvertraeglichenkonsums.pdf |
