Ein kleiner Fehler in der Darstellung von Solarstrom kann eine grosse Diskussion auslösen – und zeigt, wie Mythen und Halbwahrheiten die Energiedebatte prägen. Solarenergie verdient eine ganzheitliche Betrachtung. In diesem Teil räumen wir mit einem verbreiteten Mythos über Solarthermie auf und erklären, warum Sonnenwärme nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr über eine wichtige Rolle spielt.
Text: Linda Wachtarczyk
Die Diskussion rund um Energieversorgung und -sicherheit ist wichtig und sie lebt davon, dass Argumente überprüft und eingeordnet werden. So wurde nach Veröffentlichung des ersten Teils dieser Serie zu Recht darauf hingewiesen, dass bei der Beschreibung der Solarstromproduktion ein physikalischer Unterschied nicht sauber formuliert war und sich ein Fehler eingeschlichen hatte.

Die Illustration zeigt die Sonneneinstrahlung und proportionalen PV-Leistungen (bei einem Wirkungsgrad von 25%)
Bei starker Bewölkung beträgt die solare Einstrahlung noch rund 200 W/m². Die Sonneneinstrahlung (in Watt pro Quadratmeter) ist nicht gleichzusetzen mit der tatsächlich erzeugten elektrischen Leistung. Ein Tippfehler und eine irreführende Grafik hatten dies suggeriert. Photovoltaikmodule wandeln je nach Wirkungsgrad rund 20–25% der eingestrahlten Energie in Strom um. Solche Präzisierungen sind wichtig und zeigen, dass ein faktenbasierter Diskurs nur dann funktioniert, wenn er offen für Korrekturen bleibt. Deshalb wurde die Grafik auch noch angepasst.
Energiezukunft braucht Fakten statt Schlagworte
Die öffentliche Debatte wird häufig weniger von technischen Fakten als von Deutungen geprägt. Begriffe wie «Stromlücke», «Strommangellage» oder «Unsicherheit» lenken den Blick auf Risiken, während bestehende Lösungen in den Hintergrund treten. Dabei ist die Ausgangslage klar: Die Schweiz steht vor einem steigenden Strombedarf. Bis 2050 könnte der Verbrauch um rund 50% auf etwa 90 TWh ansteigen. Haupttreiber sind die Elektrifizierung von Mobilität und Wärme, die Digitalisierung sowie neue Anwendungen wie Rechenzentren oder Wasserstoffproduktion. Gleichzeitig sinkt der Gesamtenergieverbrauch deutlich, weil elektrische Anwendungen deutlich effizienter sind als fossile Alternativen. Diese Entwicklung erfordert nebst einem Fokus auf Effizienz und Suffizienz einen konsequenten Ausbau der Stromproduktion. Insbesondere bei erneuerbaren Energien, die schnell verfügbar, skalierbar und langfristig kostengünstig sind. Die Debatte um Atomenergie ist emotional aufgeladen und wird seit Jahrzehnten geführt. Mythen über Unabhängigkeit und Stabilität werden aufgegriffen, ihre tatsächliche Relevanz bleibt jedoch gering. Der Effekt dieser Diskussion: Unsicherheit und dadurch Verzögerungen beim Ausbau bereits verfügbarer und verlässlicher Lösungen und Ablenkung von der Umsetzung praktischer Massnahmen. Konzerne und Branchen, die weiterhin massive Gewinne mit CO₂-intensiven Energieformen erzielen, profitieren von dieser Verwirrungstaktik.
Neue Kernkraftwerke sind sehr teuer, benötigen lange Planungs- und Bauzeiten und bieten keine kurzfristige Lösung für aktuelle Herausforderungen. Zudem sind sie nicht mit einer dezentralen und erneuerbaren Energieversorgung kompatibel. Kein Energieversorger in der Schweiz plant derzeit neue Anlagen. Die Debatte darüber schafft oft nur den Eindruck, dass Alternativen fehlen, obwohl die Lösungen längst vorhanden sind und bereit zum Einsatz kommen.
Viele Probleme sind weniger technischer Natur, sondern sozialer und medialer: Wer hat die Deutungshoheit? Wer bestimmt, über welche Punkte diskutiert wird? Welche Blickwinkel werden eingenommen? Fehler, Falschinformationen oder irreführende Darstellungen können Anlass sein, Diskussionen zu führen, Fakenews zu entlarven und den Zweck einer Debatte zu verstehen.
Mythos 5: Solarthermie lohnt sich nicht, weil warmes Wasser vor allem im Winter gebraucht wird

Sonnenkollektoren erwärmen eine Flüssigkeit, die die Wärme über einen Kreislauf an einen Speicher im Haus überträgt.
Während die Debatte häufig auf Photovoltaik fokussiert, gerät ein anderer Bereich der Sonnenenergie oft in den Hintergrund: die direkte Nutzung von Sonnenwärme. Auch hier kursieren Missverständnisse, die einer genaueren Betrachtung nicht standhalten.
Solarenergie lässt sich nicht nur in Strom umwandeln, sondern auch äusserst effizient direkt als Wärme für Warmwasser oder Heizungsunterstützung nutzen. Eine häufig geäusserte Kritik lautet: Der Bedarf an warmem Wasser ist im Winter am höchsten. Genau dann, wenn die Sonneneinstrahlung am geringsten sei. Dieses Argument greift jedoch zu kurz.
Der Warmwasserbedarf in Haushalten ist über das Jahr hinweg relativ konstant. Solarthermieanlagen können diesen Bedarf über alle Jahreszeiten hinweg sinnvoll decken:
- Im Sommer liefern sie nahezu den gesamten Warmwasserbedarf.
- Im Frühling und im Herbst liefern sie einen grossen Anteil.
- Im Winter sind sie zumindest eine relevante Ergänzung.
Entscheidend ist das Gesamtsystem: Solarthermie wird praktisch nie isoliert betrieben, sondern in Kombination mit anderen Heizsystemen. So lässt sich der Bedarf an fossilen Energien oder Strom deutlich reduzieren. Die Effizienz der Solarthermie wird dabei in Zukunft noch wichtiger, da die fossilen Energieträger komplett ersetzt werden müssen.
Technisch sind die Systeme ausgereift: Als Faustregel benennt Swissolar, dass pro Person etwa ein Quadratmeter Kollektorfläche mit optimaler Ausrichtung für bis zu 60% des Warmwasserbedarfs ausreicht. Üblich ist zudem eine Speicherkapazität von rund 100 Litern pro Quadratmeter Kollektorfläche, um die gewonnene Wärme zeitversetzt nutzen zu können.
Grössere Anlagen zeigen ihre Stärken besonders deutlich: Auf Mehrfamilienhäusern, in Schulen oder bei konstant hohem Warmwasserbedarf amortisieren sie sich schneller als kleine Systeme auf Einfamilienhäusern – meist aufgrund grösserer Speichermassen. Ein oft unterschätzter Vorteil: Wärme ist deutlich einfacher und günstiger zu speichern als Strom. Mit ausreichend dimensionierten Speichern lässt sich Solarwärme über Stunden, Tage oder sogar saisonal nutzen. Letzteres ist gegenüber dem Speichern von Strom in Batterien ein wesentlicher Vorteil, der noch deutlich zu wenig genutzt wird.
Solarthermie gehört zu den effizientesten Formen der Solarenergienutzung. Unter optimalen Bedingungen werden bis zu 80% der eingestrahlten Energie in nutzbare Wärme umgewandelt. Über das Jahr hinweg liegt der Anteil typischerweise bei 20–60%: deutlich höher als bei Photovoltaik, jedoch auf den Wärmesektor beschränkt.
Neben der Effizienz sprechen auch ökologische und geopolitische Aspekte für die Technologie: Solarthermie benötigt vergleichsweise wenige Ressourcen, ist langlebig und wartungsarm. Sie reduziert die Abhängigkeit von Öl, Gas und anderen Rohstoffen – und damit auch indirekt von globalen Konflikten und volatilen Märkten.
Die Aussage, Solarthermie lohne sich nicht, hält einer differenzierten Betrachtung daher nicht stand. Richtig eingesetzt ist sie ein zentraler Baustein für eine nachhaltige Wärmeversorgung.
Der Blick nach vorne
Die Energiewende ist keine theoretische Zukunftsfrage, sondern eine praktische Aufgabe der Gegenwart. Die Technologien sind vorhanden: Photovoltaik, Solarthermie, Wasserkraft, Biomasse, Wind, Speicherlösungen, Effizienzmassnahmen. Vor allem dürfen wir eines nicht vergessen: Energie sparen.
Statt sich in ideologischen Grundsatzdebatten zu verlieren, lohnt sich der Fokus auf konkrete Lösungen: Wie können bestehende Gebäude schneller mit Solaranlagen ausgestattet werden? Wie lassen sich Speicher und Netze optimal nutzen? Wie kann der Energieverbrauch intelligent gesteuert werden?
Die grösste Herausforderung ist dabei weniger technischer Natur, sondern eine Frage des gesellschaftlichen Willens. Die gute Nachricht: Die Lösungen liegen längst auf dem Tisch.
Welche weiteren Solarmythen gibt es, die wir in der Zeitschrift «Erneuerbare Energien» aufgreifen sollten?
