Der Streckenverlauf der Tour de Sol 92 war herausfordernd. Mit Start an der «Bundesgarten-schau 1992» in Pforzheim (Deutschland) und einer langen Anfahrt Richtung Schweiz zum Ziel in Saas Fee betrug die Gesamtstreckenlänge 614 Kilometer mit 2650 Metern Höhenunterschied. Nach wie vor war das Interesse der Medien hoch und die Tour diente sogar als Schauplatz einer TV Soap.
Text: Urs Muntwyler
Die Suche nach den Etappenorten rund alle 100 km zwischen dem bereits gebuchten Start in Pforzheim und dem Ziel in Saas Fee war anspruchsvoll. Zumal sich die beiden Orte mit 25 000 Franken an den Kosten beteiligen sollten. Hinzu kamen die Mittagshalte jeweils auf halber Strecke einer Etappe, die sich mit 10 000 bis 15 000 Franken beteiligen sollten. In der Schweiz übernahmen die Hauptsponsoren Möbel Pfister und Schweiz Versicherung beziehungsweise ELVIA je einen Etappenort. In Deutschland war das schwieriger. Schliesslich erklärten sich Baden-Baden und Sasbach im Kaiserstuhl bereit. In Sasbach hatte die Bevölkerung 1975 ein AKW verhindert und die Gemeinde förderte Solarenergie.
In Deutschland fanden die Mittagshalte in Offenburg, im Europapark Rust und in Bad Bellingen statt. In der Schweiz machte die Tour de Sol 92 in Basel, Biel und Lausanne Halt, bevor es von Sion aus zum Ziel nach Saas Fee weiterging. Mittagshalte waren in Laufen, Yverdon, Martigny und Visp geplant. In Lausanne fand für die Planung eine Besprechung mit dem grünen Politiker Daniel Brélaz statt, der damals in der Stadtregierung sass. An diesem Tag war an den Zeitungskästen in Lausanne die Schlagzeile «La voiture électrique de Monsier Brélaz a brûlé» (das Elektrofahrzeug von Herrn Brélaz ist verbrannt) zu lesen. Brélaz – ganz der Innovator – liess sich nichts anmerken und die Tour de Sol 92 machte in Lausanne-Ouchy Halt. Brélaz wurde später erster nationaler grüner Parlamentarier in Europa und langjähriger Stadtpräsident von Lausanne.
Grosses Aufgebot, breites Programm
An der Tour de Sol 92 waren gegen 90 Funktionärinnen und Funktionäre im Einsatz. Für sie alle mussten Hotelzimmer, Verpflegung, Bekleidung und Fahrzeuge bereitstehen. Dazu kamen an jedem Etappenort und Mittagshalt die lokalen OK-Mitglieder und Helfer. Neben den Tour-de-Sol-Verkaufsständen waren sechs Firmen an den Etappenorten präsent. An den Etappenorten führte die Tour Sonderprüfungen in Form von Zusatzstrecken und Bewertungen der Sicherheit und Alltagstauglichkeit für die Seriensolarmobile durch. Das gesamte Preisgeld betrug insgesamt 56 050 Franken!
In Sasbach umrundete die Tour beispielsweise den Kaiserstuhl in einer 38 km langen Zusatzstrecke. Pro Runde konnten die Teams 17 Punkte einfahren. Zusatzstrecken gab es auch im Laufental, in Martigny und als Rundstreckenrennen in Lausanne. Mit insgesamt 21 Sonderprüfungen wurden viele Aspekte der Solarmobile bewertet. Das begann mit der technischen Abnahme inklusive vollständiger Dokumentation und Bremstest. Weiter gab es einen Sprint bis 60 km/h, einen Reichweitentest bis 150 km – das war noch die Zeit der Bleibatterien – und eine Energiewertung für Prototyp- und Seriensolarmobile an allen Etappenorten der gesamten Tour de Sol. In der Kategorie «Prototyp- und Seriensolarmobile» fanden Sonderprüfungen für Design, passive Sicherheit, stationäre Alltagstauglichkeit, dynamische Alltagstauglichkeit, Stop and Go und Markterfolg statt. Dies Fahrzeuge entwickelten sich stärker in Richtung Serienproduktion und Kommerzialisierung. Werkteams – wie der deutsche Ligier-Importeur – nahmen die Strecke unter die Räder. «Solar» auf den Fahrzeugen verlor an Bedeutung, parallel fand aber die dezentrale netzgekoppelte Photovoltaik ihren Weg auf die Hausdächer.
59 Solarmobile gemeldet
Zehn Rennsolarmobile meldeten sich an. Die früher führenden Schweizer Teams fehlten oder fuhren neu in der Prototypkategorie. Deutschland stellte nun die Mehrzahl der Rennsolarmobile. Bei Rennsolarmobilen mit 8 m2 Solarfläche fuhr nur das «HPA Solar Car Team» aus Kamuela, Hawaii (USA) mit. Bei den kleineren Tour-de-Sol-Rennsolarmobilen mit 480 Wp Solarleistung gewann Teddy Woll, Team «Akasol», aus Darmstadt. Lange führte Joachim Kamm, «Kamm Solar Racing Team», der dann Zweiter wurde. Dritter wurde Rainer Magenreuter vor weiteren Teams aus Deutschland. Luxemburg und Frankreich.
In der Kategorie «Prototyp-Solarmobile» mit 25 Fahrzeugen waren viele bekannte Namen wie Ralph Schnyder mit einem TWIKE, verschiedene Horlacher-Modelle, Martin Kyburz mit seinem Chetah-Solarmobil, Herbert Hobi, Christian Leu, Markus Eisenring, Fredi Etter, Peter Pfister, Neupert Hannes (D) und Frieder Herb (D, jetzt bei Kyburz AG) gemeldet. Am Start war auch Alexander Popolov aus Moskau. Es siegten Axel Krause und Andreas Kruspan, die Rennsolarmobil-Weltmeister der Jahre 1987 und 1989, auf einem Horlacher «Carbon». Den zweiten Platz belegte der Horlacher «Sport NaS 91» von Paul Schweizer mit einer NaS-Hochtemperatur-Batterie. Ein Horlacher Sport – gefahren von Peter Meyer – belegte in den Sonderprüfungen «Design» und «passive Sicherheit» Höchstnoten. Erstmals starteten die Prototypen in zwei Unterkategorien «Zweiräder» und «3- und 4-Rad-Fahrzeuge». Bei den Zweirädern gewann Jean-Pierre Jäggi mit einem Solarfahrrad «Cortebike» mit zwei Punkten Vorsprung (von 1272 Punkten) vor Thomas Wick mit einem «ASMO-Motorrad».

Markus Eisenring absolviert mit seinem Fahrzeug «Stromboli» die Sonderprüfung in Sion.
Bei den 24 Seriensolarmobilen waren französische Ligier mit dem deutschen Team ATW und dem Schweizer Team Pierre Scholl und Solec und dem ASMO-Team am häufigsten vertreten. Um in dieser Kategorie starten zu können, waren zehn verkaufte Fahrzeuge und eine Typenzulassung die Kriterien. Dabei wurde sowohl auf die Einzelwertung wie auch auf den Titel des «Markenweltmeisters» in Zweierteams gefahren. Es gewann der deutsche Ligier-Importeur Manfred Walther der Auto Technik Walther GmbH (ATW) vor dem ASMO-Team und dem schweizerischen Ligier-Importeur Pierre Scholl. Für die weiteren Tour-de-Sol-Veranstaltungen kündeten sich bereits weitere Hersteller an.
Präsenz in einer TV-Soap
Interessant war das neue Projekt von Michael Trykowski. Er fragte die Tour de Sol für eine Folge der TV-Soap «Verbotene Liebe» an, in der ein Solarmobil als Mittelpunkt der Story dienen sollte. Trykowski war seit 1985 eine Tour-de-Sol-Koryphäe. Daher hatte er mindestens einen Wunsch frei und das OK sagte zu. Während der gesamten Tour de Sol fuhr ein «solarisierter» Trabant mit Fahrer Michael Trykowski mit. Eine deutsche TV-Station produzierte die TV-Soap. Dabei diente die Tour de Sol 92 als Hintergrund der Story.
Viele Rahmenaktionen und Schüleraktion
Die Tour-de-Sol-Schüleraktion wurde 1992 vom Tour-de-Sol-OK selber koordiniert. Unterstützt wurde die Aktion vom Sonntags-Blick und den beiden Hauptsponsoren. Dabei sollten Projekte für eine Solaranlage auf dem Schulhaus eingereicht werden. Für die fachliche Betreuung waren die «Solar 91»-Delegierten bereit. Weiter wurde ein Fotocollagen-Wettbewerb durchgeführt mit den Themen «Tour de Sol» und «Solar». Damit sich das Publikum eine Vorstellung einer netzgekoppelten Solaranlage und deren Leistung machen konnte, baute das Solarcenter Muntwyler eine mobile PV-Anlage. Mit einer grossen Kunststoffröhre wurde mit einem Ball die Solarleistung angezeigt. Diese Leistung konnte man im Rahmen eines Wettbewerbs mit der Leistung von Tretvelos an den Etappenorten vergleichen. Für Lehrer gab es Arbeitsblätter zum Besuch an den Etappenorten und die von Urs Muntwyler und Möbel Pfister produzierte Broschüre «Lebensquelle Sonnenlicht». Das Tour-de-Sol-Rennprogramm wurde von Urs Peter Naef produziert und in einer Auflage von 120 000 Exemplaren gedruckt und verteilt.

Die Tour de Sol macht Halt in Basel.
Organisation in Eigenregie
Die Durchführung der Tour de Sol 92 ohne die Stiftung erleichterte den Ablauf. Die Stiftung verursachte allerdings noch einige Medienberichte, in denen vor allem Tour-de-Sol Organisator Urs Muntwyler schlecht gemacht wurde. Beispielsweise qualifizierte Journalist Kaspar Meuli in der Weltwoche die Tour de Sol als «Ökofolklore» und «Anlass für Bastler» ab. Hauptsponsor ELVIA wollte es genau wissen und gab eine Publitest-Umfrage in Auftrag. Im September 1992 wurden die Resultate präsentiert. In der Deutschschweiz wussten nur 3% nicht, was die Tour de Sol ist. In der Westschweiz waren es 30%. 96% brachten die Tour de Sol mit der «Forschung für umweltfreundliche Autos» in Verbindung. 93% fanden, die Tour de Sol fördere «neue und dringend notwendige Entwicklungen». Nur 26% sahen die Tour de Sol als Anlass für «Hobbybastler und kleine Tüftler». Weil die Tour de Sol 92 aber zum Grossteil in Deutschland und der Westschweiz stattfand, interessierte die Kritik dort niemanden. Gegenüber zukünftigen Sponsoren schadete die Stiftung der Tour de Sol und trug wohl zum Ende der Tour-de-Sol-Veranstaltungen ab 1993 bei.
Stabil hohes mediales Interesse
Mit dem Start und dem umfangreichen Verlauf in Deutschland gewann die Tour enormes Medienecho. Das zeigte sich schon im Vorfeld. OK-Chef Urs Muntwyler hatte seine erste Radiosendung bei einem Lokalradio in Ulm, noch bevor er quer durch den Schwarzwald an den Startort nach Pforzheim fuhr. Die Tour produzierte eigenes Fernsehmaterial, das von 63 Fernsehstationen in 57 Ländern – darunter ABC in den USA – ausgestrahlt wurde. Der Tour-de-Sol-Radioreporter Daniel Gschwend konnte täglich über ein Dutzend Lokalradios bedienen. Bei der 5. Tour de Sol 1989 bei der Fahrt über den Gotthard waren es erst drei. 16 Agenturen, 109 Printjournalisten und 49-Fotojournalisten registrierten sich bei Pressechef Erich Leuthold. Solche Zahlen kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Jean-Pierre Jäggi gewinnt die Zweirad-Kategorie mit seinem Solarfahrrad «Cortebike».
Der Bund wirbt Personal ab
Es gab immer wieder Diskussionen, warum das Bundesamt für Energie (BFE) die Tour de Sol nicht unterstützte. BFE-Direktor Eduard Kiener fuhr an der Tour de So 91 mit und betonte, dass das BFE die Tour de Sol nicht unterstützen werde. Das fanden wir angesichts unserer Sponsoren auch nicht vordringlich. Der Transfer erfolgte umgekehrt. Tour-de-Sol-Mitinitiant und Sekretär der SSES, Markus Heimlicher, erarbeitete mit den Tour-de-Sol-Wetterfröschen der Meteotest AG für das BFE die «Meteonorm»-Daten. Diese waren in den Folgejahren die «Bibel» für die Planung von Solaranlagen, waren dort doch die Strahlungsdaten aller Schweizer Gemeinden abgelegt. Dies machte die Planung von Solaranlagen mit Daten auf Gemeindebasis möglich. Später unterhielt Markus Heimlicher im Auftrag des BFE einen Energie-Infodienst. Thomas Nordmann, erster Tour-de-Sol-Pressechef, arbeitete für das BFE als PV-Forschungsleiter. Er baute unter anderem drei 100-kWp-PV-Anlagen auf Infrastrukturbauten, die berühmte Lärmschutzwand an der Autobahn N13 in Domat Ems mit Kyocera-Solarmodulen.
Eine weitere Anlage wurde, mit für damalige Verhältnisse grossen 120-Wp-PV-Modulen von Solarex, an der Bahnlinie in Riazzino im Tessin gebaut. Die dritte PV-Anlage entstand im Baselbiet auf der Rückseite der Autobahnlärmschutzwand. Dies waren für die Zeit um 1990 pionierhafte Anlagen. BFE-Vizedirektor Jürg Gfeller stellte dann die ehemaligen technischen Leiter der Tour de Sol, Urs Wolfer und dessen Nachfolger Martin Brunner, als Programmleiter ein. Ab 1993 war Urs Muntwyler externer Programmleiter für das Pilot- und Demonstrationsprogramm «Leicht-Elektromobile». In der Tour-de-Sol-Mannschaft fand man erprobte Energiefachleute, was damals eine Rarität war.
Das BFE findet neue Inhalte
Die Innovationen verlagerten ihren Schwerpunkt und fanden vermehrt ausserhalb der Tour de Sol statt. Start-ups von Firmen aus dem Umfeld der Tour suchten kommerzielle Anwendungen. Dem OK-Chef und Unternehmern wie Max Horlacher war aufgefallen, dass für seriöse Konstruktions- und Entwicklungsarbeiten die Sponsorengelder an der Tour de Sol und weiteren Solarmobilrennen nicht genügen. Horlacher setzte sich beim Bundesamt für Energie (BFE) und dessen Forschungsleiter «Fahrzeuge» energisch für mehr und gezieltere Unterstützung ein. Dort waren Effizienz beim Autofahren und entsprechende Fahrkurse en vogue. Die Technik selbst war weniger ein Thema. Um das Potenzial für P- und D-Projekte zu evaluieren, gab das BFE beim Ingenieurbüro Muntwyler eine Machbarkeitsstudie für ein Programm «Leicht-Elektromobile» in Auftrag. Dieses lud im Herbst 1992 rund 60 Vertreter von Firmen, Forschungsinstituten, Kantonen, Verbänden und Behörden drei Tage nach Adelboden (Schlussort der Tour de Sol 93) ein. Dort gab es Impulsvorträge und in vier thematischen Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmenden Projekte. Drei der Arbeitsgruppen wurden von Tour-de-Sol-OK-Mitgliedern geleitet. Die Gruppen ernannten Projektträger, das Projektziel und das ungefähre Budget. So konnte Urs Muntwyler Ende 1992 dem BFE eine Machbarkeitsstudie mit 60 konkreten Projektvorschlägen abliefern. Das BFE reservierte ein Budget von 2 Millionen Franken pro Jahr für das P- und D-Programm «Leicht-Elektromobile» – später nur noch «Leichtmobile» genannt.

Die Organisatoren führen an allen Etappenorten Siegerehrungen vor zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauern durch.
Ausblick auf 1993: letzte Tour de Sol und neue Aktivitäten
- P- und D-Programm «Leicht-Elektromobile» des Bundesamts für Energie
- Horlacher-Fahrzeuge in allen Formen und Varianten
- Schnelle Elektrovelos tauchen auf
- TWIKE wird grösster Schweizer Fahrzeugproduzent
- Internationale Energie-Agentur IEA startet E-Mobil-Technologie-Zusammenarbeit
- EU startet E-Fahrzeug-Flottenversuchsprogramm 1992–1998
- 1993: US Departement of Energy DOE-2, Sunrayce-Solarmobilrennen
- Mendrisio wird 1995 Schauplatz eines grossen E-Mobil-Flottenversuchs
- Segelflieger mit Elektro-Klapptriebwerk revolutioniert das Segelfliegen
- Start-ups wachsen zu grossen Firmen
- Fachtagung und Solarmobilsalon bis 1998
