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Warum die Energiewende eine Ressourcenwende braucht

Die Energiewende bedeutet nicht nur, fossile Energieträger durch erneuerbare zu ersetzen. Sie bedeutet auch, unseren Energiebedarf insgesamt zu senken. Denn jede Kilowattstunde, die nicht verbraucht wird, muss weder produziert, gespeichert noch transportiert werden. Werden Produkte repariert statt weggeworfen, Materialien wiederverwendet statt neu produziert und Rohstoffe länger im Umlauf gehalten, sinkt der Energiebedarf ganzer Industriezweige. Darin liegt die Bedeutung der Kreislaufwirtschaft.

Text: Linda Wachtarczyk

Die Kreislaufwirtschaft verfolgt eine einfache Idee: Materialien und Produkte sollen nicht nach einmaligem Gebrauch zu Abfall werden, sondern möglichst lange im Umlauf bleiben. Was heute oft als lineare Wertschöpfung funktioniert – Rohstoff abbauen, Produkt herstellen, nutzen und entsorgen –, soll zu einem Kreislauf werden.

Dafür müssen die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft bereits bei der Entwicklung eines Produkts mitgedacht werden. Verwendet werden langlebige Materialien, die sich wiederverwerten oder in neue Formen überführen lassen. Produkte sollten modular aufgebaut sein, damit einzelne Komponenten ersetzt oder weiterverwendet werden können. Ebenso zentral sind Reparierbarkeit und Wartungsfreundlichkeit, damit defekte Teile geflickt und nicht ganze Geräte entsorgt werden.

Photovoltaik-Module wiederzuverwenden und eine Plattform hierfür zu schaffen, sind der Fokus des Projekts «Swiss PV Circle» für die Kreislaufwirtschaft in der Solarenergie. [Bildquelle: www.pv-circle.ch]

Das Leben in der Wegwerfgesellschaft

Früher war Reparieren selbstverständlich. Radios, Fahrräder oder Haushaltsgeräte wurden über Jahre hinweg geflickt, gewartet und weitergegeben. Heute lohnt sich eine Reparatur oft kaum noch. Ersatzteile fehlen, Gehäuse sind verklebt und ein neues Produkt ist häufig günstiger als die Instandsetzung des alten. Aus einer Reparaturgesellschaft wurde schrittweise eine Wegwerfgesellschaft.

Die Gründe dafür liegen nicht primär im fehlenden Umweltbewusstsein einzelner Konsumentinnen und Konsumenten, sondern in den wirtschaftlichen Anreizen unseres Systems. Die heute vorherrschende Wirtschaftslogik ist stark auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Unternehmen versuchen, mit möglichst geringem Einsatz von teurer Arbeit und Ressourcen möglichst viel Output zu erzeugen. Diese Logik hat in vielen Branchen dazu geführt, dass Umsatz vor allem dann sehr hoch ist, wenn Produkte regelmässig ersetzt werden müssen.

Neue Geschäftslogiken für eine Kreislaufwirtschaft

Damit sich Kreislaufwirtschaft durchsetzen kann, braucht es Geschäftsmodelle, die von langlebigen Produkten profitieren statt von deren schnellem Ersatz.

Immer mehr Unternehmen entwickeln Geschäftsmodelle, die von langlebigen Produkten profitieren. Der Werkzeughersteller Hilti vermietet Maschinen, wartet sie, repariert sie und bringt sie erneut in den Einsatz. Caterpillar bereitet gebrauchte Komponenten auf und verbaut sie in neuen Maschinen. Mobility verkauft keine Autos, sondern Mobilität. Kundinnen und Kunden bezahlen für die Nutzung, nicht für den Besitz. Ein weiteres Beispiel ist V-ZUG, die Modelle entwickelt, bei denen Kundinnen und Kunden pro Nutzung bezahlen, anstatt das Produkt zwingend besitzen zu müssen.

Mit solchen Modellen verändern sich die Anreize grundlegend. Plötzlich lohnt es sich für Unternehmen, Produkte möglichst robust, wartungsfreundlich und langlebig zu konstruieren. Was gut für die Umwelt ist, wird gleichzeitig wirtschaftlich attraktiv.

Schema des Kreislaufwirtschaftssystems

Die Grenzen des bisherigen Wirtschaftssystems

Die klassische Wachstumslogik stösst zunehmend an ihre Grenzen. Ein grundlegendes Problem besteht in der Annahme, dass in einem endlichen System unbegrenztes materielles Wachstum möglich sei.

Hinzu kommen sogenannte externe Kosten. Umweltverschmutzung, Treibhausgasemissionen oder gesundheitliche Folgen werden oft nicht vollständig in die Preise eingerechnet, sondern von der Allgemeinheit getragen. Die tatsächlichen Kosten unseres Wirtschaftens werden dadurch auf Umwelt, Klima, Gesellschaft und zukünftige Generationen ausgelagert.

Ein Umdenken ist deshalb notwendig. Nicht nur, weil die heute bekannten Öl- und Gasreserven bei konstantem Verbrauch nur noch rund 50 Jahre reichen würden, sondern auch, weil der Ressourcenverbrauch grundlegend minimiert werden muss, um die Klimaziele zu erreichen.

Kreislaufwirtschaft spart Energie

Die Kreislaufwirtschaft ist nicht nur eine Strategie zur Ressourcenschonung, sondern auch ein wichtiger Hebel für die Energiewende.

Eine Studie im Journal of Cleaner Production kommt zum Schluss, dass kreislaufwirtschaftliche Massnahmen den Energieverbrauch in Teilen der Industrie um 6 bis 11% reduzieren könnten. Besonders gross sind die Potenziale in der Stahl-, Aluminium-, Zement- und Kunststoffindustrie. Dort können Wiederverwendung, Reparatur und hochwertiges Recycling erhebliche Mengen Energie einsparen.

Für eine erfolgreiche Energiewende benötigen wir deshalb nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch Wirtschaftsmodelle, die mit weniger Material- und Energieeinsatz auskommen. Um weitere Energie zu sparen benötigt es aber auch soziale Innovationen.

Die Rohstofffrage der Energiewende

Auch die erneuerbare Energiebranche selbst steht hier erst am Anfang. Solarmodule, Batterien und Wechselrichter sollten künftig so konstruiert werden, dass sie repariert, aufgerüstet und wiederverwendet werden können. Erste Plattformen wie SecondSol zeigen bereits, wie gebrauchte Solarmodule ein zweites Leben erhalten können. Gleichzeitig entstehen zahlreiche Unternehmen, die sich auf die Wiederverwendung und das Second-Life-Management von Batterien spezialisieren.

Besonders relevant sind dabei Materialien mit hoher grauer Energie, also einem hohen Energieaufwand bei ihrer Herstellung. Dazu gehören unter anderem Stahl, Aluminium und Beton sowie Batteriemetalle, Kupfer und Silizium. Gerade in diesen Bereichen können Wiederverwendung und hochwertiges Recycling einen wichtigen Beitrag leisten. Dabei ist es wichtig, dies ohne Abstriche bei Sicherheit oder Qualität zu machen.

Vor allem beim Produktdesign besteht noch grosser Handlungsbedarf. Einheitliche Standards, modulare Bauweisen und regulatorische Vorgaben könnten dazu beitragen, dass Solarmodule, Batterien und andere Energietechnologien künftig einfacher repariert, aufgerüstet und wiederverwendet werden können.

Je mehr Materialien wir wiederverwenden, reparieren und im Kreislauf halten, desto weniger energieintensive Primärproduktion brauchen wir. Dadurch sinkt der gesamte Energiebedarf und erst dadurch wird die Energiewende überhaupt realistisch.


Quellen

ThemaLink
Öl- und Gasreservenhttps://www.bp.com/content/dam/bp/business-sites/en/global/corporate/pdfs/energy-economics/energy-outlook/bp-energy-outlook-2025.pdf
Umbau hin zu Kreislaufwirtschafthttps://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959652617313392