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Windenergie und Naturschutz in Einklang bringen

Falkner Michael Schanze mit seinem Uhu Maja Foto: ZSW

Naturschutzbegleitforschung auf dem weltweit ersten Windenergie-Testfeld, das vom Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) eingerichtet wurde, soll mithelfen, Vögel zu schützen.

Pressedienst/Redaktion

Maja sitzt seit einer halben Stunde auf der Wiese und bewegt sich nicht. Über ihr zieht ein Vogelpaar seine Kreise. Es sind Rotmilane. Sie haben den Uhu längst entdeckt, doch noch greifen sie ihn nicht an, obwohl er nur wenige Meter von ihrem Horst mit den Jungvögeln entfernt ist. Sie kreisen und kreisen und können sich nicht entschließen, ihren grössten Feind aus der Nähe ihres Nests zu vertreiben. Doch darauf warten alle, die am Feldrand stehen und das Schauspiel gespannt mitverfolgen. Das Uhu-Weibchen Maja ist ein Lockvogel. Sie wurde von einem Falkner für diese Aktion speziell ausgebildet und soll die Rotmilane zu einem Angriff animieren. Hinter dem Uhu, der auf einem Holzpflock sitzt, hängt ein Netz. Sobald sich einer der Rotmilane Maja nähert, bleibt er im Netz hängen. Das dauert nur kurz. Ausgestattet mit einem kleinen, leichten GPS-Sender, mit dem sein Flugverhalten studiert werden kann, soll der Vogel schnell wieder entlassen werden. Die Aktion im Rahmen der Naturschutzbegleitforschung steht im Einklang mit den Naturschutzgesetzen und wurde von den Naturschutzbehörden genehmigt.

Das Rotmilan-Pärchen zieht seinen Nachwuchs an einem besonderen Ort auf: Es ist das Gebiet des Windenergie-Forschungstestfelds WINSENT, das vom Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) auf dem Stöttener Berg errichtet und betrieben wird. Dass der Rotmilan hier brütet, ist gewünscht, denn das Verhalten des Greifvogels, der auf der Schwäbischen Alb nicht selten ist, soll in der Naturschutzbegleitforschung zum Windenergie-Testfeld erforscht werden. Am Standort des Windtestfelds auf der Hochebene bei Stötten erfassen zudem ein Radargerät sowie mehrere Kamerasysteme und Mikrofone, die an den beiden Wind-Messmasten installiert sind, tagsüber und nachts die Bewegungen von Vögeln, Fledermäusen und großen Insekten. Das Projekt sei einzigartig, weil es mit seinen unterschiedlichen Forschungsansätzen dazu beitrage, Naturschutz und Windenergie in Einklang zu bringen, schreibt das ZSW in einer Medienmitteilung.

Kollisionen mit Windenergieanlagen vermeiden

Die ZSW-Wissenschaftler werden in ihrer Naturschutzforschung am Stöttener Berg von einem internationalen Team aus Wissenschaftlern unterstützt. Die Federführung bei der Rotmilan-Besenderung hat die Schweizerische Vogelwarte Sempach. Ziel der Vogelschützer ist es, das Verhalten der Vögel genau zu studieren, um so auf Basis der Forschungsergebnisse Kollisionen mit Windkraftanlagen zukünftig noch besser zu verhindern. Hierfür werden auch verschiedene technische Systeme zur Vermeidung von Vogelkollisionen an Windenergieanlagen erprobt. Das Projekt stösst auf großes Interesse bei der Bevölkerung und wird von regionalen Naturschutzorganisationen unterstützt.

An diesem Morgen ist wieder Vogelkundler Dr. Herbert Stark dabei, der jede Aktion begleitet. Der Ornithologe zeigt den GPS-Sender, mit dem der Rotmilan nach seinem Fang ausgestattet werden soll. Der kleine schwarze Sender mit dem Solarmodul wiegt nur wenige Gramm. «Rotmilane sind ihrem Horst treu; sie kommen jedes Frühjahr, nachdem sie den Winter in Südeuropa verbracht haben, wieder zurück an ihren Standort. Und das über mehrere Jahre hinweg», erzählt er.

Verhalten der Vögel erforschen

Bereits im Juni 2019 konnten zwei in der Umgebung des Testfelds lebende männliche Rotmilane mit GPS-Sendern ausgestattet werden. Das geschieht ohne Einschränkungen für die Vögel. Die Bewegungsdaten der beiden Greifvögel werden seitdem durchgehend aufgezeichnet. Vor allem die Flughöhe wird erfasst, um zu prüfen, ob sich die Vögel in der Höhe der Rotoren bewegen. Daneben spielt aber auch die Fluggeschwindigkeit eine wichtige Rolle – insbesondere, wenn Detektionssysteme als Maßnahme zur Vermeidung von Kollisionen eingesetzt werden sollen. Um beispielsweise rechtzeitig das Austrudeln der Windrotoren auslösen zu können, sind Informationen über die Fluggeschwindigkeit der Vögel wichtig. Die Forscher wollen zudem Vergleichsdaten sammeln. Sie erforschen deshalb, wie sich die Vögel vor der Errichtung der Windkraftanlage und während des Betriebs verhalten. Daneben werden auch Daten gesammelt, die für die Vogelschützer allgemein von großem Interesse sind und in ihre Forschung einfließen.

Das Rotmilan-Paar hat sich inzwischen entschieden, den Uhu nicht anzugreifen. Falkner Michael Schanze setzt Maja in ihren Käfig zurück. Sie darf sich erst einmal ausruhen, bevor ein neuer Fangversuch in der Nähe eines anderen Nests mit Jungvögeln gestartet wird. Maayen Wigger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZSW, baut zusammen mit dem Ornithologen das Netz auf; davor wird dann der Lockvogel gesetzt.

Uhu-Weibchen Maja ist an dem neuen Standort angekommen, der wieder in der Nähe eines Nests mit Jungvögeln ist. Diesmal sind die Eltern mutiger. Immer wieder kreisen sie um den Uhu. Dann ist es soweit: Im Sturzflug fliegt einer der Rotmilane auf den Uhu zu und geht ins Netz. Schnell ist Herbert Stark zur Stelle und nimmt ihn behutsam in die Hand. Der Ornithologe wiegt das Tier, bestimmt Geschlecht und Alter und beringt es. Es ist ein Weibchen, etwa vier Jahre alt. Anschliessend wird der Sender wie ein Leicht-Rucksack auf dem Rücken befestigt und der Vogel sofort wieder freigelassen. Lise, wie die Wissenschaftler das Rotmilan-Weibchen getauft haben, sammelt nun fleissig Bewegungsdaten.

Mit Künstlicher Intelligenz Vogelarten besser schützen

Die Informationen über das Verhalten der Rotmilane dienen den ZSW- Wissenschaftlern unter anderem als Grundlage, um einen sogenannten «Bird-Recorder» zu entwickeln, ein kameragestütztes System, das mithilfe von künstlicher Intelligenz geschützte Vogelarten erkennen und Kollisionsvermeidungsmassnahmen bis hin zum Stopp der Windrotoren auslösen wird. «Ziel ist die Entwicklung eines preiswerten, robusten und sehr zuverlässigen Systems, das später in Windparks eingesetzt und auch nachgerüstet werden kann. Damit sollen unter anderem pauschale Abschaltzeiten zum Schutz von Greifvögeln, die immer häufiger auferlegt werden, überflüssig werden. Auf diese Weise wird die Stromproduktion erhöht und gleichzeitig sind die Vögel geschützt», erklärt Frank Musiol.