Solarmythen mit Fakten widerlegen: Teil 1
Solarenergie ist längst kein Nischenthema mehr. Dennoch prägen Mythen und Schlagworte die öffentliche Debatte, von angeblich fehlendem Winterstrom bis hin zu instabilen Netzen. Was ist dran an diesen Behauptungen? Ein Blick auf Zahlen, Technik und aktuelle Entwicklungen zeigt, wo die Herausforderungen liegen und wo nicht.
Text: Linda Wachtarczyk
Wo Neues und Innovatives entsteht, entsteht auch Angst, die in einigen Fällen gezielt ungerechtfertigt geschürt wird. Das zeigt sich aktuell deutlich beim Umbau des Energiesystems. Rund um die Solarenergie kursieren zahlreiche Mythen und Halbwahrheiten. Sie erzeugen Unsicherheit und bremsen eine der wichtigsten künftigen Energieformen aus, die dezentral, erneuerbar und für breite Bevölkerungsschichten zugänglich ist.
Immer deutlicher zeigt sich, dass Unsicherheit vor allem geschürt wird, um den Weg für neue Atomkraftwerke zu ebnen. Die Auseinandersetzungen werden dabei häufig emotional aufgeladen. Die Gegner der Solarenergie prägen die Debatte mit Begriffen wie Flatterstrom, Stromlücke oder Dunkelflaute, obwohl sich diese Schlagworte bei genauer Betrachtung sachlich einordnen und vielfach widerlegen lassen. «Erneuerbare Energien» überprüft und ordnet diese Schlagworte ein und klärt faktenbasiert auf.
Die Solarenergie hat eine lange Entwicklung hinter sich. Über Jahrzehnte galten deren Befürworterinnen und Befürworter als idealistisch oder realitätsfern. Bis heute halten sich Vorurteile, die weniger auf technischen Fakten als auf Unwissen und diffusen Ängsten beruhen. Dabei befindet sich die Solarenergie seit über fünf Jahrzehnten im technologischen und wirtschaftlichen Aufwärtstrend und ist insbesondere in den letzten 15 Jahren in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dennoch halten sich Falschinformationen hartnäckig im öffentlichen Diskurs – in sozialen Medien, in politischen Debatten, in Zvieripausen oder beim Dorfschwatz. Um für die nächste Diskussion gewappnet zu sein, lohnt sich ein Blick auf die Fakten, um verbreitete Irrtümer rund um die Solarenergie zu entkräften.
Mythos 1: Solarpanels bestehen aus seltenen Erden

PV-Module bestehen nicht aus seltenen oder kritischen Erden
Photovoltaikanlagen benötigen keine seltenen Erden. Handelsübliche Silizium-Solarmodule, die über 97% des Marktes ausmachen, bestehen überwiegend aus Glas, Aluminium, Silizium und Kunststoffen: Materialien, die weltweit gut verfügbar sind. Zwar ist insbesondere die Herstellung von Aluminium energieintensiv, doch zählt der Rohstoff selbst nicht zu den knappen Ressourcen und ist vollständig recycelbar.
In geringen Mengen wird derzeit noch Silber für die elektrischen Kontakte in Solarzellen eingesetzt. Dieser Anteil ist jedoch in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Gleichzeitig treiben Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer-Institut und Hersteller die Entwicklung alternativer Technologien voran, etwa die Metallisierung mit Kupfer. Kupfer ist reichlich vorhanden, kostengünstiger und ebenfalls gut recycelbar. Der oft geäusserte Vorwurf, Solarenergie sei von seltenen oder kritischen Rohstoffen abhängig, lässt sich mit Blick auf die tatsächliche Materialzusammensetzung nicht halten.
Mythos 2: Solarzellen funktionieren nur bei Sonnenschein

Auch bei bewölktem Himmel erzeugen PV-Module Strom
Solarzellen erzeugen nicht nur bei strahlendem Sonnenschein Strom. Zwar ist die Leistung bei direkter Sonneneinstrahlung am höchsten, doch auch bei bewölktem Himmel bleibt die Stromproduktion erhalten. Der Grund: Photovoltaikmodule wandeln nicht nur direktes Sonnenlicht um, sondern auch sogenanntes diffuses Licht, das durch Wolken gestreut wird.
Bei klarem Himmel erreicht die solare Einstrahlung in Mitteleuropa im Sommer Werte von bis zu rund 1000 Watt pro Quadratmeter (W/m2). Bei leichter bis mittlerer Bewölkung liegen die Werte typischerweise zwischen 300 und 600 W/m2. Selbst bei starker Bewölkung können Solaranlagen noch etwa 200 W/m2 liefern. Solarstrom wird also auch ohne direkte Sonneneinstrahlung produziert, wenn auch mit reduziertem Ertrag.
Hinzu kommt, dass sich die Technologie in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt hat. Neue Zelltypen und verbesserte Oberflächenstrukturen sorgen dafür, dass heutige Module deutlich effizienter auf schwache Lichtverhältnisse reagieren als frühere Generationen. Das sogenannte Schwachlichtverhalten hat sich kontinuierlich verbessert.
Mythos 3: Die Schweiz ist kein geeignetes Land für Solarenergie

Das Potenzial für Solarenergie in der Schweiz ist noch lange nicht ausgeschöpft
Tatsächlich verfügt die Schweiz über ein beträchtliches Potenzial für Solarenergie, das bisher bei Weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Solaranlagen auf geeigneten Dach- und Fassadenflächen könnten deutlich mehr Strom erzeugen, als aktuell produziert wird.
Das Bundesamt für Energie (BFE) schätzt das realistische Potenzial auf rund 50 Terawattstunden (TWh) pro Jahr allein auf Dachflächen. Berücksichtigt man zusätzlich geeignete Fassadenflächen, steigt die theoretisch nutzbare Menge auf etwa 67 TWh pro Jahr. Ende 2025 deckt die Photovoltaik bereits rund 14% des Strom-Endverbrauchs. Diese Jahresproduktion von über 8 TWh Strom entspricht der Jahresstromproduktion des AKW Gösgen. Solarenergie ist damit bereits systemrelevant, und ihr Beitrag wächst kontinuierlich weiter.
Diese Zahlen machen deutlich: Die Schweiz verfügt über ein grosses und nur teilweise genutztes Solarpotenzial. Würden die geeigneten Dach- und Fassadenflächen konsequent mit Solaranlagen ausgestattet, könnte ein bedeutender Teil des heutigen Strombedarfs abgedeckt werden.
Mythos 4: Wetterbedingungen führen zu «Flatterstrom»

Flexibilität statt Unsicherheit in die öffentliche Debatte bringen
«Flatterstrom» ist ein Begriff, der die schwankende Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind bezeichnet und der diese Stromproduktion damit abwerten soll. Tatsächlich variiert die Energieeinspeisung je nach Wetter, Tageszeit oder Jahreszeit. Das ist technisch und organisatorisch herausfordernd, aber kein unlösbares Problem.
Ein Kernprinzip moderner Energiesysteme ist Flexibilität: Überschüssiger Strom kann gespeichert und später genutzt werden. Batteriespeicher eignen sich für kurzfristige Schwankungen und entlasten das Stromnetz, während Pumpspeicherkraftwerke in der Schweiz grosse Energiemengen zwischenspeichern können. Langfristig könnten zudem neue Technologien wie Wasserstoffspeicherung zur Stabilisierung beitragen.
Auch der Verbrauch selbst kann flexibel gesteuert werden, um das Stromsystem besser an die schwankende Produktion erneuerbarer Energien anzupassen. Entsprechende Lastmanagementsysteme gehören heute zu allen PV-Anlagen mit Eigenverbrauch. Eine solche Steuerung ist sinnvoll, weil sie ebenfalls mithilft, das Netz zu entlasten. Denkbar sind wirtschaftliche Anreize wie dynamische Stromtarife, die den Strompreis je nach Angebot variieren lassen: Bei hoher Solarproduktion könnten die Preise sinken, um den Verbrauch gezielt anzuregen, bei knapper Verfügbarkeit würden sie steigen. Die intelligente Steuerung von Geräten unterstützt Verbraucherinnen und Verbraucher dabei, ihren Strombedarf automatisch zu optimieren. Dies sind zentrale Instrumente, um das Stromnetz effizienter und stabiler zu machen.
Darüber hinaus erhöht ein diversifizierter Energiemix die Stabilität der Stromversorgung: Solar- und Windenergie ergänzen sich zeitlich sehr gut. Wasserkraft und Biomasse sorgen zudem gezielt für Netzstabilität. Biomasse ist besonders wertvoll während der ebenfalls abwertend gebrauchten sogenannten Dunkelflauten, also Perioden mit wenig Sonne und Wind. Mit Kraft-Wärme-Kopplung liefert Biomasse nicht nur Strom, sondern auch Wärme für Industrie oder Nahwärmenetze, was die Gesamteffizienz des Systems erhöht.
«Flatterstrom» ist also keine Bedrohung, sondern entspricht eher dem Verbrauch. Dies im Gegensatz zu Atomkraftwerken, die nicht steuerbar immer eine grosse Menge Strom liefern. Mit der Einführung der ersten Atomkraftwerke musste das Stromsystem auch umgebaut werden, damit deutlich mehr Strom in der Nacht verbraucht wurde. Das geschah über finanzielle Anreize. Die neue Art von Produktion lässt sich mit Technik und Planung gut auf den Verbrauch abstimmen. Durch Speicher, flexible Verbrauchssteuerung und einen ausgewogenen Energiemix ist die erneuerbare Produktion sogar eine grosse Chance für ein stabiles Stromsystem mit weniger Klumpenrisiken.
Wege zu einer Solaren Gesellschaft
Eine solare Gesellschaft bedeutet nicht in erster Linie Verzicht, sondern Anpassung. Strom aus erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind ist verfügbar. Die Art der Verfügbarkeit erfordert ein Umdenken im Verbrauchsverhalten. Anreize wie günstiger oder sogar kostenloser Strom zu Zeiten hoher Solarproduktion, zum Beispiel über den Mittag, helfen, Angebot und Nachfrage besser in Einklang zu bringen.
Statt von «Flatterstrom» zu sprechen, lohnt sich ein Perspektivenwechsel: Flexibilität bei Produktion, Speicherung und Verbrauch wird zur Schlüsselkompetenz eines modernen, erneuerbaren Energiesystems. Dazu gehört auch die Bereitschaft, den eigenen Verbrauch teilweise an Wetterverhältnisse anzupassen. Solarenergie ist nicht nur eine technische Lösung, sondern auch ein gesellschaftlicher Lernprozess: Wer sich auf flexible Nutzung, intelligente Steuerung und bewusstes Verbrauchsverhalten einlässt, unterstützt ein stabiles und nachhaltiges Stromsystem.
Und: Die Aufklärung über Mythen ist noch nicht abgeschlossen. In der nächsten Ausgabe werden wir weitere verbreitete Irrtümer entkräften und zeigen, wie Solarenergie heute und morgen zuverlässig in unseren Alltag integriert werden kann.
Quellen
| Thema | Link |
|---|---|
| Kritische Mineralien in der Energiewende | https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2021/05/the-role-of-critical-minerals-in-clean-energy-transitions_4ce961a5/f262b91c-en.pdf |
| Diffuses Licht | https://photovoltaik.org/solarstrom/solarenergie/diffuse-strahlung |
| Solarpotenziale Schweiz | https://arbor.bfh.ch/server/api/core/bitstreams/49c3e040-2ae1-4639-8232-db244d4ce5b5/content |
| Flexibilitätsstrom | https://energy.sustainability-directory.com/question/how-does-solar-affect-grid-stability |
