Wer eine Photovoltaikanlage bauen will, muss sich durch einen bürokratischen Dschungel kämpfen, der nur schwer zu durchblicken ist und der Projekte verteuern und verzögern kann. Seit einigen Jahren versucht Swissolar mit digitalen Hilfestellungen – dem «ElektroForm solar» – Solarteure bei der Handhabung der Bürokratie zu entlasten. Immer mehr gibt es auch private Anbieter, welche mit neuen Softwarelösungen Solarprojekte begleiten wollen.
Text: Beat Kohler
Technisch ist der Aufwand beim Bau einer Photovoltaikanlage in den meisten Fällen überschaubar, je nachdem wie komplex die Form eines Daches oder einer Fassade ist. Für viele Solarteure und auch für viele Bauwillige unüberschaubar hingegen scheint der administrative Aufwand beim Bau einer Solaranlage. Die Anforderungen ändern sich von Kanton zu Kanton, von Gemeinde zu Gemeinde und von Elektrizitätswerk zu Elektrizitätswerk. Nicht zu reden vom Förderungsdschungel mit all seinen verschiedenen Vorgaben. Darauf reagiert auch die Politik. So ist aktuell ein Vorstoss hängig, der analog zum Guichet Unique Windenergie ein Guichet Unique Solarenergie aufbauen möchte. Dies um den Ausbau der Solarenergie so zu beschleunigen, dass die Ziele des Stromgesetzes auch erfüllt werden können. «Das noch nicht genutzte Potenzial ist nach wie vor riesig, die Hürden hoch, die Bürokratie komplex und die Fragen von Investoren/-innen zahlreich. Aus diesem Grund braucht es eine zentrale Anlaufstelle des Bundes für Anliegen im Zusammenhang mit Solarenergie, wie es sie bereits für die Windenergie gibt», begründet Nationalrätin Aline Trede, die den Vorstoss eingereicht hat, ihr Anliegen. Diese Anlaufstelle soll Projektentwicklern und kantonalen Behörden Fragen im Zusammenhang mit Solarenergie in der Schweiz beantworten, Stellungnahmen und Bewilligungen koordinieren sowie die Fristeinhaltung durch die involvierten Bundesstellen überwachen. Die Antwort des Bundesrates auf diesen Vorstoss ist noch ausstehend, doch der Wunsch nach einer Vereinfachung ist in der Solarbranche gross.
Schnittstellen ermöglichen direkte Wege
Bemühungen zur Vereinfachung der Bürokratie gibt es schon seit Jahren. Swissolar versucht seit 2021 mit «ElektroForm solar» einen Weg durch diesen Dschungel zu bahnen. Allerdings gibt es auch beim «ElektroForm solar» noch Lücken und nicht alle Schnittstellen sind vorhanden. Firmen, welche die Administration von Solarprojekten mittels der Digitalisierung noch weiter vereinfachen, wollen diese Lücken schliessen. Ein Beispiel dafür ist die Solarstream AG aus Rotkreuz. Das Start-up führt die vielen verschiedenen Softwarelösungen in der Solarbranche mit Schnittstellen zusammen, sodass ein automatisierter Datenaustausch möglich wird. Ab Februar dieses Jahres bietet Solarstream eine direkte Schnittstelle zum Meldewesen-Portal von Arctive, dem Digitalisierungspartner für EVUs wie AEW, CKW und Eniwa (siehe Kasten), wie das Unternehmen mitteilt.
«In einer Pilotphase wird die Schnittstelle nun zusammen mit der AEW und deren Meldewesen-Portal getestet. Die anderen Meldewesen-Portale sollen bald folgen», erklärt Manuel Gantner, Mitbegründer der Solarstream AG. Mit diesem Angebot komplettiere Solarstream als erster Anbieter in der Schweiz das Angebot von «ElektroForm solar» um jene Netzbetreiber, die aktuell im «ElektroForm solar» nicht integriert seien, so Gantner. Die Nachfrage dürfte mit dieser Erweiterung des Angebotes gross bleiben. Seit der Gründung Ende 2024 hat Solarstream bereits mehr als 20 Unternehmen, vom kleinen Installateur mit 20 Anlagen im Jahr bis zu grösseren Unternehmen mit mehr als 200 Installationen, für ihre Dienstleistungen begeistern können.
End-to-End-Digitalisierung
Mit e2050 bietet die in Zug beheimatete Softwarefirma Arctive eine modulare Lösung zur End-to-End-Digitalisierung für Energieversorger an. Zentrale Geschäftsprozesse können mit dieser Software abgewickelt werden, zum Beispiel eine zentrale Anlaufstelle für die Erfassung von Anschlussgesuchen (TAG), Installationsanzeigen und Kontrollen für Kunden und Partner. Mit einem Modul können manuelle Routineaufgaben in standardisierten Arbeitsabläufen für Netz- und Energieprozesse (z. B. ZEV, LEG, Werkkontrollen) reduziert werden. Immer wichtiger werden Schnittstellen zur Anbindung an andere Systeme zur Vermeidung von Medienbrüchen und doppelter Datenerfassung, die ebenfalls als Modul angeboten werden. Nicht zuletzt sollen ein einheitliches Datenmodell und Dashboards Transparenz über alle Projekte und Kennzahlen schaffen. Diese Lösung ermögliche es EVUs, steigende Volumina von Gesuchen und Anfragen ohne zusätzliche Personalressourcen zu bewältigen, verspricht Arctive.
Projektdokumentation wird automatisiert
Was Solarstream seit Beginn anbietet und was für viele Solarteure administrativ ebenfalls eine grosse Herausforderung ist, ist eine automatisierte Projektdokumentation. Sehr oft werden heute solche Dokumentationen in Exceltabellen für jedes Projekt einzeln erstellt. Excel ist weitverbreitet und relativ günstig. Fortgeschrittene können darin selber Formeln, Skripte oder bedingte Formatierungen hinterlegen, mit denen sich sogar Prozesse automatisieren lassen. Deshalb nutzen auch viele Unternehmen im Solarbereich Excel zur Projektdokumentation. Die Tabelle soll einen schnellen Überblick über den aktuellen Stand ermöglichen. Dafür muss die Tabelle aber entsprechend stetig sauber und klar nachgeführt und aktuell gehalten werden, was Disziplin erfordert. Wenn verschiedene Beteiligte an derselben Tabelle arbeiten, kann es schnell unübersichtlich werden, da Einträge beliebig angepasst werden können. Oft ist schwer nachzuvollziehen, wer wann was angepasst hat.
«ElektroForm solar»
Dieses Tool soll den administrativen Aufwand bei der Abwicklung von Solarprojekten verringern. Seit dem offiziellen Start der Web-App im Jahr 2022 sind immer neue Funktionalitäten hinzugekommen. Alle wichtigen Formulare für Gemeinden, Netzbetreiber und Pronovo sind in der App enthalten. Zudem können Geräte wie Wechselrichter, Solarpanels und ihre Datenblätter abgerufen, abgelegt und als Beilagen zu den Meldeformularen mitgesendet werden. «Mit diesen und vielen weiteren praktischen Funktionen erleichtert und beschleunigt ‹ElektroForm solar› die Administration von Solarprojekten spürbar», verspricht Swissolar. Die Nutzung von «ElektroForm solar» wird pro Projekt verrechnet. Über 800 Unternehmen haben die App bereits genutzt, was die grosse Nachfrage nach vereinfachter Administration zeigt.
Grundlagen vereinfachen Kundenkommunikation
Zudem ist mit dem Führen der Tabelle die Kundin oder der Kunde noch nicht über den Projektfortschritt informiert oder die Anlagendokumentation erstellt. Das muss separat geschehen und kostet die Solarteure zusätzlich wertvolle Zeit, in der sie nicht auf dem Dach arbeiten können. «ElektroForm solar» erleichtert zwar die Dokumentation, ist aber weder mit Excel noch mit anderen Projektmanagement-Tools direkt verknüpft. Solarstream setzt mit ihrem Tool auf Excel-ähnliche Flexibilität, ergänzt durch Automatisierungen und Integrationen, um Daten aktuell zu halten und manuelle Eingaben zu minimieren. Die gemachten Einträge lassen sich nachvollziehen. Eine direkte Schnittstelle zum «ElektroForm solar» hält den Gesuchsstatus automatisch aktuell und gewährleistet die Projektübersicht, die auch von den Endkunden eingesehen werden kann. «Als Resultat sind Kunden zufriedener, weil sie stets aktiv informiert sind, und den Installateuren bleibt mehr Zeit und Fokus, sich um andere Themen zu kümmern», erklärt Manuel Gantner. Trotz aller Automation bleibt es aber natürlich wichtig, dass auch dieses Projektmanagement-Tool regelmässig gepflegt wird. Bei aller Vereinfachung: Ganz von selber geht es auch in Zukunft nicht.
