Tour de Sol vom 25. Juni bis 2. Juli 1989
Text: Urs Mundwyler / Redaktion
Für das 5-Jahre-Jubiläum war die Streckenführung rasch klar – durch die Schweiz von «Nord nach Süden». An dem Projekt rechnete Mercedes schon 1985 und die Gewerbeschüler von Urs Muntwyler, Elektroniker-Lehrlinge im Fach Physik, seit 1986. Dabei ergab sich, dass eine Nord-Süd-Überquerung wegen der langen Anfahrt bei extrem schlechtem Wetter nicht zu schaffen war. Deshalb wurde die Route gedreht. Das kam auch den Sponsoren entgegen. Der Startort ergab sich durch die Möbel Pfister Filiale in Contone (TI). Die Tour konnte am Sonntag erstmals mit einem Prolog, einem Einzelzeitfahren auf den Monte Ceneri starten. Neu führten die Organisatoren einen «Mittagshalt» zum Nachladen der Seriensolarmobile ein. Dies bedingte zusätzliche Infrastruktur und Funktionäre und war für die Zuschauer besonders interessant, da Zieleinfahrt und Start in kurzer Zeit erfolgten. Nach dem Prolog führte die Strecke über Faido, Altdorf, Zug/ Steinhausen, Willisau, Rothrist nach Rheinfelden. In Zug fand wie bereits 1988 ein Nachtbergzeitfahren auf den Zugerberg statt. In Altdorf hatte der Vertreter der Schweiz Versicherung Peter Bauman als gebürtiger Urner seinen grossen Auftritt. Die Ankunft der Tour befand sich gleich hinter dem Tell-Denkmal. Es soll an der nachfolgenden Abendveranstaltung (Stichwort : «Zoge am Boge der Landamman tanzet» mit dem Landamman in Aktion) hoch zu und her gegangen sein. Davon bekam Muntwyler als Organisator jeweils nichts mit. Er war da schon längstens im Bett, dafür am nächsten Morgen topfit.

Pre-Feuerwerk befeuert von den Hauptsponsoren
Die beiden Hauptsponsoren Möbel Pfister und Schweiz Versicherung waren 1989 in Hochform.
Ein Plan war, jeden Tag im «Blick» präsent zu sein. Andererseits wollte Möbel Pfister in jeder seiner 27 Filialen eine Solarausstellung mit Begleitmassnahmen durchführen. Jeden Tag im «Blick», das war anspruchsvoll. Helfen sollte ein geplantes zweisitziges Solarmobil, designet von Startdesigner Luigi Colani. Ein berühmter Autorennfahrer sollte dann jeden Tag eine Schweizer «Berühmtheit» chauffieren. Das ergab dann genügend Zugkraft für einen «Blick»-Artikel. Dazu muss man wissen, dass damals zwischen «Blick» und «Schweizer Illustrierte» ein flottes Konkurrenzdenken herrschte. Wenn die SI etwas portierte, stand davon im «Blick» sicher nichts. Da die SI nicht mehr Hauptsponsor war, erübrigte sich das Problem. Schwieriger war die Realisation des «Colani Solarmobils». Zwar war die Kontaktaufnahme einfach, Colani : «Hinter der Kehrrichtverbrennung in Bern steht ein Rolls-Royce, da ist meine Bude». Zeitlich war es aber nicht mehr zu schaffen. So «designte» Colani einen Steyr-Daimler Puch, ein damals gängiges 2-sitziges Leicht-Elektrofahrzeug. Der Fahrer war schnell gefunden, Tour de Sol 87-Sieger Marc Surer stieg für einen kleinen 5-stelligen Betrag ein. An Prominenz fuhren mit Martha Emmenegger (erste Blick- Sexkolumnistin), Kabarettist Roderer, Schlagersänger Udo Jürgens, Popsänger Phil Carmen, Skifahrer Conradin Cathomen und Sänger Bo Katzmann mit. Das ergab die gewünschten Blick-Artikel. Pressechef Erich Leuthold hatte viel zu tun und war ganz in seinem Element. Für die 27 Solarausstellungen schrieb Muntwyler eine Broschüre «Lebensquelle Sonnenlicht», die alle Varianten der Nutzung erneuerbarer Energien beschrieb. Sie wurde in Deutsch, Französisch und italienisch in einer Monsterauflage gedruckt und gratis abgegeben. Neben der Solarausstellungen sollten auch Solarprodukte vertrieben werden. Da konnte die Firma Muntwyler Energietechnik AG aushelfen. Sie kaufte grosse Mengen an Solarprodukten ein und freute sich auf das Geschäft. Nach den Ausstellungen gab es dann lange Gesichter, weil Möbel Pfister die nicht verkauften Solarprodukte zurückgab.
Erster Solarsalon im Kursaal in Bern
Nach dem erfolgreichen «Teaser» mit der kleinen Begleitausstellung in Solothurner Landhaus im Rahmen der Tagung «Solarmobile im Alltag» 1988 starteten die Tour de Sol ein neues Format. Eine Publikumsausstellung mit dem Namen «Solarsalon» sollte Solartechnik und Solarmobile beziehungsweise Elektrofahrzeuge ausstellen. 1989 wurden dafür geeignete Räume im Kursaal in Bern gemietet. Dort fand auch die Tagung «Solarmobile im Alltag» statt. Die Veranstaltungen waren ein voller Erfolg und allein die Münzen der Eintritte füllte eine sehr grosse Ledertasche. Die Bank benötigte Stunden, um alles zu zählen. Leicht-Elektromobil-Anbieter wie Fridez Solar AG traten erstmals gross auf.

«a-ha» und ihr erstes Elektrofahrzeug
Die Larel AG aus Wil war mit ihren elektrifizierten Fiat Panda mit Namen «Larel» in Bern präsent. Sie erhielten Besuch von der damals enorm populären Popband «a-ha» aus Norwegen. Tour de Sol Pressechef Erich Leuthold führte «a-ha» und ihren Manager Harald Rostvik durch die Ausstellung. Sänger Morten Harket warf ein Auge auf einen Larel, der in Norwegen – in Oslo – herumfahren sollte. Allerdings waren damals Elektrofahrzeuge in Norwegen und speziell in Oslo verboten. Die Polizei sollte nun also den Teen Idol Morten Harket in Gefängnis stecken. Die schlauen Polizisten merkten schnell, dass kollabierende Teenies vor dem Gefängnis eine ganz schlechte Idee wären. Sie studierten deshalb den Larel und bemerkten, dass da ja zwei Batterien eingebaut waren, die Batterie für Beleuchtung und Elektrik und die Fahrbatterien, analog zu einem Wohnmobil, das auch über zwei Batterien verfügt. Sie erklärten also den Larel zum «Wohnmobil» womit sie elegant aus der Nummer rauskamen. Heute ist Norwegen das führende Land in Sachen Elektromobilität. Ein Larel aus Wil SG hat da mitgeholfen. Die englische BBC hat die Geschichte vor einigen Jahren wieder aufgewärmt und die «a-ha» Jungs und Harald Rostvik, mittlerweile Professor, in einem neuen Elektromobil präsentiert.
Tour de Sol goes America
Etappen-Solarmobil-Rennen nach Tour de Sol-Art wurden nun in verschiedenen Ländern organisiert. So erreichte die Organisatoren die Anfrage einer Ost-amerikanischen NGO Northeast Sustainable Energy Association (NESEA) aus Massachusetts für eine Tour de Sol in den USA. Die Organisatorin Nancy Hazard wollte auch die Solarenergie popularisieren. Sie erhielt von Tour de Sol Markenhalter Urs Muntwyler eine Lizenz für einen US-Dollar pro Rennen. Die Veranstaltung liess sich gut an, war aber nicht so kommerziell und populär wie das Original. Die Tour de Sol America lief bis 2006 unter dem Namen, hat das Original also bei Weitem übertroffen. Dies wohl, weil Nancy Hazard sich 18 Jahre lang so eingesetzt hat. Ob jemals Lizenzen bezahlt wurden ist nicht bekannt – vermutlich nicht.
Gotthard-Überquerung mit vier Kategorien
Die Streckenlänge lag mit 425,4 Kilometern im Bereich der Vorjahre. Die zu bewältigende Höhendifferenz war mit 4549 Metern wesentlich höher als in den Vorjahren. Angemeldet waren 112 Teilnehmer von denen 86 am Start waren. Diese grosse Differenz erklärt sich mit der anspruchsvollen Strecke. Eine gute Bremsanlage und Lenkstabilität der Fahrzeuge angesichts der Gotthard-Überquerung waren wichtig. Die vier Kategorien waren :
- «DOW Europe» – Rennsolarmobile – Sieger Andreas Kruspan (Panasonic Team), vor Erwin Hungerbühler (Helios Wil) und James Worden (Solectria Team/ USA). 8 Fahrzeuge erreichten das Ziel regulär.
- «TCS» – Prototypen mit Solartankstellen : Sieger Willi Lanker (Mobi Lanker-Team), vor Solarteam Jäggi-Pfenninger und Hans Jürgen Erk von Erk Solartechnik (D)
- «VSE» – Prototypen im Netzverbund : Diego Jaggi (Solarteam Höngg)
- «Möbel Pfister-Schweiz Versicherung» -Seriensolarmobile : Aldo Campoleoni (Team Horlacher)

Gerade bei den Rennsolarmobilen wurde auf Biegen und Brechen gefahren. Es gab vier Favoriten Michael Trykowski (Vorjahressieger), Erwin Hungerbühler (3 × 2. Rang), Andreas Kruspan (Panasonic Team) und James Worden (MIT/ USA). Pech hatte Erwin Hungerbühler, dem auf der Zusatzrunde in Rheinfelden die Aufhängung brach. So ging der Sieg an Andreas Kruspan vom Panasonic Team, hinter dem die umtriebige PR-Agentur Marconsult AG von Christof Eichele stand. Von den 15 Fahrzeugen der Seriensolarmobil-Kategorie kamen alle ins Ziel. Diese Fahrzeuge mussten neben einer Typenzulassung auch schon zehn verkaufte Exemplare vorweisen können. Die Gesamtsumme der Preisgelder erreichte 150 000 Franken. Wichtiger war aber, dass man sich mit eigenen Sponsoren durchaus diese Summe gleich zusätzlich reservieren konnte. Das rief, wie in den Vorjahren, professionelle Marketingfirmen auf den Platz und erhöhte die Attraktivität der Tour de Sol zusätzlich, versuchten doch diese Firmen die Aufmerksamkeit auf ihren Teilnehmer zu lenken.

Solarboot- und Future Bike-HPV Rennen
Auf dem Zugersee fand erneut ein Solarbootrennen auf einem grossen Dreieckskurs statt. Am Start waren die Kategorien «Rennsolarboot/ Gebrauchssolar- und Muskelkraft-boote». Trotz interessanter Ansätze war dies das letzte Solarbootrennen der Tour de Sol. Der Verein «Future Bike» weibelte erfolgreich für ein «Human power vehicle» Rennen. Das waren im Wesentlichen teil- bis vollverschalten Fahrräder, darunter Hochleistungsfahrzeuge, die bis anhin auf geschlossenen Bahnen unterwegs waren. Die Fahrer waren teilweise sehr motiviert und wir sahen Fahrten, die dem Rennleiter ordentlich Sorgen machten. Das HPV-Rennen 1989 blieb ein einmaliges Ereignis.
Markenverwässerung: Alpine Solarmobil-Europameisterschaft ASEM
Im Herbst 1989 startete die erste Alpine Solarmobil-Europameisterschaft ASEM, organisiert von der Tour de Sol zusammen mit dem Verkehrsverein Graubünden. Die Route führte jeden Tag über einen Pass. Den Schluss bildetet jeweils ein Einzelzeitfahren von St. Moritz auf den Berninapass. Die Initiative für dieses Rennen ging vom Bünder Verkehrsverein und deren umtriebigen Vize-Direktorin Beatrice Gaudenzi aus. Sie waren für die Suche und Auswahl der Etappenorte zuständig. Dazu traten die Bündner Kantonalbank und die Bündner Zeitung als Sponsoren auf. Die Tour de Sol Hauptsponsoren sahen in der ASEM eine unnötige Markenverwässerung, was sich im Nachhinein bewahrheitete. Allerdings konnte damit das Tour de Sol-Sekretariat Richtung Ganzjahresbeschäftigung geführt werden. Allerdings war der Stress auch grösser, musste man doch nach der Tour de Sol Ende Juli bereits die ASEM vorbereiten. Sie war auf Ende August anfangs September angesetzt. Dafür musste wieder ein «Briefing Book» geschrieben werden und eine Rekognoszierungstour durchs Bündner Land absolviert werden. Auch für die Teilnehmer war es aufwändig. Die Routen waren allerdings interessant. Täglich über einen Alpenpass zu fahren war im Bündnerland möglich. Dazu besuchten die Organisatoren viele interessante Ortschaften und Täler was interessante Einblicke und Begegnungen ermöglichte.
Neues Büro gesucht
Nach der Tour de Sol 89 blieb ein Larel Elektrofahrzeug beim Tour de Sol Sekretariat zurück. Dieses musste jeweils geladen werden. Das geschah in der Tiefgarage des Einkaufscenter «Zähringer Migros» in Bern. Das empörte «Hinz und Kunz» und der Mietvertrag wurde gekündigt. Der neue Standort war dann im «Ziegelei-Märit» in Zollikofen mit viel mehr Fläche und Möglichkeiten.
Nach der Tour de Sol 89 verliessen die jungen, sehr engagierten, vielsprachigen und professionellen Mitarbeiterinnen Barbara Kruspan und Cosima Oesch das Sekretariat. Die Personalsituation war in den Folgejahren ein Problem. Die Tour de Sol Stiftung entwickelte sich mehr und mehr zu einem Tollhaus, was nicht alle so gut vertrugen.
Solarinnovationen der Tour de Sol 1989

- Erster Solarmobil-Salon der Welt in Bern
- Norwegische Popgruppe «a-ha» besucht Solarsalon in Bern und kauft erstes Elektrofahrzeug für Norwegen
- Ungefähr 40 kommerzielle Solarmobilprojekte mit dem Ziel Serienbau
- Über 40 netzgekoppelte dezentrale PV-Anlagen installiert – Schweiz weltweit führend
- Metallbau-Solarfassaden-Elemente vorgestellt
- Lancierung von grösseren 20-kWp-PV-Anlagen
- Lancierung von grösseren PV-Anlagen im 100-kWp-Bereich
- Lancierung von zwei Projekten im 500-kWp-Bereich
- Tour-de-Sol-Mitinitiant baut 100%-Solarhaus
- Bau einer weiteren «Solar Park+Ride Anlage» in Rheinfelden
- Bedeutende Elektrizitätswerke zahlen 1:1 für Solarstrom
- Gegen 300 Solarmobile im Alltagseinsatz in der Schweiz
- Möbel Pfister macht 30 Solarausstellungen in den drei Sprachregionen der Schweiz
